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BÜRGER DER STADT

1. GENERATIONEN

Musik. Unter einem gestreiften Himmel, der von den glühenden Überresten der Allmacht erhellt wird, feiern die Einwohner der Letzten Stadt. Brennende Wrackteile fliegen durch die Wolken und explodieren wie Feuerwerkskörper hoch oben am Himmel. Alle, die sich noch an die Rote Schlacht erinnern können, blicken mit verhaltener Hoffnung nach oben. Der Kriegsgeist hatte getan, was Commander Zavala vorausgesagt hatte, und jetzt beschützt der Reisende – ein mächtiger Schild gegen den Ansturm – die Stadt gegen die verbleibende Gefahr durch die Überreste. Fragmente des sonnenfressenden Kolosses, der ihn getroffen hätte, prallen stattdessen von seiner weitläufigen Lichtkuppel ab und verschwinden in der Ferne.

Unter den wachsamen Augen der Titanen, die an den Grenzen aller Bezirke stationiert wurden, laufen Kinder lachend mit Holzgewehren durch die Straßen. Ihre Fantasie verwandelt Steinwege in Kriegsgeist-Bunkertunnels; Häuser und Nebenstraßen bieten Zugriff auf Terminals und gewähren Deckung, während verzweigte Lüftungsschächte für Flankenmanöver genutzt werden. Rufus, ein großer, schwarzer Hund aus der Nachbarschaft, tollt als wildes Kriegsbiest mit der Kinderschar umher. Sie umringen ihn, um ihn zu streicheln, er lässt sich auf den Rücken fallen und reckt seinen Bauch in Richtung des flammenden Himmels, besiegt. Die älteren Kinder heulen, weil ihr mächtiges Kriegsbiest gefallen ist. In ihren rot bemalten Pappmaschee-Rüstungen im Kabal-Design gehen sie zum Angriff über. Funkengranaten explodieren und strahlen, als wären sie vom Licht erfüllt.

Ein echter Hüter steht unter dem Reisenden, er führt seine Miniaturstreitkräfte des Lichts an, die sich um ihn versammelt haben. Seine Rüstung – für fantasievolle Augen poliert und aus glänzendem Gold – ist in Wirklichkeit stumpf und voller Beulen von Querschlägern und knapp überlebten Feindkontakten. Seine Holster sind leer, abgesehen von der geladenen Pistole, die er im eng geschnallten Patronengurt an der Brust trägt. Er erhebt seine Faust, um ihre Herzen gegen den Ansturm zu festigen. Die Kabal-Bedrohung nähert sich mit wildem Getöse. Die Verteidiger erheben ihre hölzernen Gewehre. Der Hüter kniet mit einem Bein nieder, schlägt mit der Faust auf den Boden und ein Rift aus restorativem Licht breitet sich von seiner Hand aus. Die Kinder jubeln.

Die Streitmächte prallen aufeinander. Die Kabal-Krieger beschweren sich, dass sie keine Hüter haben.

Rehnpeir lauscht dem Umtrieb draußen, während er Seifenwasser aus einem rauen Lappen wringt. Tropfen durchbrechen den Rhythmus der Wasserkräuselungen, die im Takt der Musik eines vorüberziehenden Umzugs pulsieren. Er beobachtet die Dissonanz voller Optimismus. 

„Komm rein und wasch dir die Hände, es gibt Abendessen!“, ruft er.

„Noch nicht, Großvater! Wir müssen Rasputin gegen die Kabale verteidigen!“

Ein Lächeln umspielt Rehnpeirs Mund. Die Worte seines Enkelkinds waren voll unbekümmerter Ungezwungenheit. Für die Kinder ist die Vorstellung einer Schlacht eine Nacherzählung von Heldengeschichten, die von legendären Hütern mit dröhnenden Stimmen vorgetragen werden. Die Kinder, selbst die älteren, erinnern sich kaum noch an die Rote Schlacht, oder gar an die Konflikte, die auf weit entfernten, außerirdischen Welten ausgetragen wurden. Die Mauern existierten seit ihrer Geburt, und ohne das Fundament der Erfahrung sind die nur widerwillig geteilten Berichte der Älteren kaum von Bedeutung. Sie hatten keine Vorstellungen von den Grauen, die Heldenmut erwecken konnten, und wussten nicht, dass Helden mit gebrochenen Körpern und toten Freunden für ihren Ruhm bezahlen mussten. Vergangene Kämpfe wurden in der Vorstellungskraft der Jugend zu verworrenen Mythen; ein Sinnbild für vergessene Lektionen inmitten der Stabilität der Stadt.

Ihre Naivität geht ihm zu Herzen. Trotz aller Gefahren vor den Toren ist der heutige Tag sicher. Unschuld kann noch etwas länger erhalten werden, und vielleicht wird bald ein Zeitalter anbrechen, in dem sich die Bewohner der Stadt nur noch an Friedenszeiten erinnern werden.

2. GESELLSCHAFTLICHE UMGANGSFORMEN

Die ruhige Abenddämmerung zieht herauf und offenbart eine orange glühende Wolkendecke zwischen Bändern des verblassenden blauen Himmels, während die Schatten von der westlichen Mauer herangekrochen kommen. Die Versammlungen unter den Straßenlaternen, ausgelöst durch die Zerstörung der Allmacht, waren seit Ankunft der Schwarzen Flotte zurückgegangen; Ausgelassenheit wurde unter erwarteter Furcht und Sorge begraben. 

Titanen verstärken ältere Mauerabschnitte und patrouillieren durch die Straßen. Jäger bilden Aufklärungseinsatztrupps und schleichen sich in die Wildnis rings um die Stadt. Sie behalten die Bewegungen der Feinde im Auge, die durch die Ankunft beflügelt wurden, während der Schutz der Nacht sich über ihnen ausbreitet. Warlocks versammeln sich in großer Zahl zur verzweifelten Meditation in den Steingärten unter dem Reisenden und durchsuchen ihr Licht nach irgendwelchen Anzeichen.

Die Überbleibsel des gesellschaftlichen Widerstands verkriechen sich, wo sie nur können. Eine Handvoll störrischer Bürger findet auch weiterhin Zuflucht in Rehnpeirs Nudelbar an der Oberfläche. Einige Gäste sitzen hinter den enormen Glasfenstern, und das Leuchten des Nudelschilds, komplett mit neonfarbener Schale, erhellt die gegenüberliegende Wand. Draußen ragen verschlossene Läden lautlos über den Schultern eines patrouillierenden Titanen auf. Die Nudelbar steht ganz alleine da, von einem blassen Lichtschimmer erhellt, und erfüllt vom wabernden Duft heißer Brühe, der die Niedergeschlagenheit der hereinbrechenden Nacht zurückhält.

„Ein Lockdown nach dem anderen. Ich habe diese Ausgangssperren satt“, seufzt Frank. „Als die Allmacht noch da war, konnte ich das ja verstehen, aber jetzt?“

„Der Commander wird sich darum kümmern“, erwidert Rehnpeir und lehnt sich über die Bar, um Gläser und Schüsseln wieder mit labenden Dingen aufzufüllen.

„Ach bitte …“ Franks Stimme trieft vor Sarkasmus.

„Ich sehe kein abstürzendes Schiff mehr, du etwa? Er hat es zuvor getan, und er wird es wieder tun.“

In der Ferne sind melancholische Hymnen zu hören, mal lauter, mal leiser, während die Stimmen eines Chors durch die Wellen der Musik dringen.

Die Stimme einer jungen Frau namens Milley erklingt von einem abgeschiedenen Tisch in der Ecke. „Zavalas ist ein Politiker. Was soll er schon sagen? ‚Bürger der Stadt, ihr werdet alle sterben‘?“ Sie dreht sich auf ihrem Stuhl. „Er hat bei der Allmacht nur gewürfelt und sich retten lassen. Die Hüter haben einen feuchten Dreck getan.“ 

„Ach ja? Große Worte von einer, die im Schutz der Mauern unter ihrem Reisenden lebt“, schießt Jean, eine alte Stammkundin, zurück.

„Ich wurde hier geboren, Fräulein.“ Die Höflichkeitsfloskel ist voller Spott. „Und jetzt können wir nirgendwo mehr hin“, erwidert Milley.

„Früher konnte man überhaupt nirgendwo hin. So war das eben“, sagt Jean und starrt sie an.

Frank nickt Milley zu. „Also. Die Hüter hatten jahrelang Zeit, und wir sitzen immer noch am selben Ort fest. Die sind nur auf Ruhm aus. Sie lieben es, ihre kleinen Missionen durchzuführen und die Helden zu spielen.“ Er lehnt sich zurück und wird lauter. „Hört doch, wie Shaxx vom Turm herabruft. Kein Wort über die Normalbürger.“

Rehnpeir mischt sich ein. „Frank, du würdest dort draußen keine zwei Sekunden überleben, und Milley … Deine Mutter hat Blut gehustet, bevor …“

„Bevor! Bevor, bevor … Ihr alten Kerle redet immer nur dasselbe. Ständig quatscht ihr davon, wie es davor war. Aber wie steht es um das Hier und Jetzt?“, fragt Milley und schlägt mit der Hand auf den Tisch.

Der inzwischen nicht mehr ganz so weit entfernte Chor biegt in die Straße ein, in der die Nudelbar steht. Tiefere Klänge der Hymne, die jetzt von hundert Stimmen getragen wird und voll und symphonisch dröhnt, vermischen sich mit einem Klagelied. Mehrere Restaurantgäste und Rehnpeir recken die Hälse, um einen Blick auf den Umzug zu erhaschen. 

„Toter Orbit-Freaks. Der Reisende hat uns gute Dienste erwiesen. Ein paar von euch wissen einfach nicht zu schätzen, was sie haben“, wirft Jean ein.

„Ich stimme Milley zu. Die Hüter sind nicht für uns da; der Reisende kümmert sich nur um sich selbst. Die Legion hat uns angegriffen, und er hat erst etwas unternommen, als er selbst in Gefahr war“, grummelt Frank. Er starrt in seine Schüssel und dreht sich dann zum Fenster, um den Umzug zu sehen. „Er hat nichts getan, während unsere Häuser niederbrannten. Ich habe meinen Sohn auf Titan verloren. Sie konnten nicht einmal seinen Leichnam bergen.“

Eine Gruppe von Bürgern, angeführt von einem in Schwarz gehüllten Ausrufers des Toten Orbits, wandert die Steinstraße entlang. Seine Stimme ist klar und fordert Einigkeit. Er spricht von unbeachteten Warnungen. Er lädt Gleichgesinnte zur Prozession ein. Verspricht Hoffnung. Möchte andere sicher ins nicht greifbare Jenseits geleiten.

Rehnpeir füllt Franks Glas wieder mit Met. „Wir alle haben mit dir um Henry getrauert, Frank …“

„Eine Krise jagt die nächste. Wir leben in Furcht und verlieren. Dieser Ort hätte sicher sein sollen. Stattdessen haben wir alle dafür bezahlt. Es ist Zeit, dass der Reisende seinen Beitrag leistet“, sagt Milley und nimmt damit Franks Frustration auf.

Ihr Argument wird von einem Aufruhr auf der Straße unterbrochen. Eine Hüterin beobachtet die Prozession von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Sie zuckt nicht zusammen, als eine Flasche gegen ihren Helm kracht. Speichel, Glas und stechende Worte. Ihre Waffe bleibt im Holster. Ihr Geist verborgen. 

Das Klagelied wird schwächer und zieht weiter.

Rehnpeir unterbricht die gespenstische Stille als Erster. „Das wird der Reisende auch. Alle werden es tun. Wir sind schließlich hier, oder nicht? Sie haben die Stadt zurückerobert.“ Er deutet aus dem Fenster. „Sie haben einen Mann von den Toten zurückgebracht!“

„Für sie hat der Tod keine Bedeutung. Sie leiden nie an den Konsequenzen, und du erwartest, dass sie verstehen, wie sich das anfühlt?“ Frank atmet heftig aus, seine Stimme zittert.

„Du redest Mist. Der 14. Heilige … Als ich ein kleines Mädchen war, war er wie ein Riese für mich … Er konnte alles tun … Er würde alles tun, um zu helfen. Du weißt nicht, wie es war. Die Hüter werden es schaffen“, sagt Jean und verschränkt die Arme.

„Wir werden sehen“, erwidert Milley, während sie ihre Nudeln schlürft.

In der Nudelbar kehrt wieder ruhige Nachtstimmung ein. Wärme beschwichtigt Unzufriedenheit; die schrillen Geigenklänge verstummen.

„Gut, dass wir darüber geredet haben.“ Rehnpeir schlägt zweimal mit der Faust gegen den Tresen. Er blickt in die ernsten Gesichter seiner Gäste. „Sake?“


3. ZUFLUCHT

Schiffe des Toten Orbits drängen die Wolken rund um den Reisenden zur Seite. Es ist beinahe Mitternacht. Er bewahrt seinen Ring neben der Tür auf, für den Fall, dass er weg muss. Er hat nur ein volles Magazin, aber lose Messinggeschosse füllen alle Hohlräume in seiner Fluchttasche unter der Garderobe.

„Wenn sie zuschlagen, werden sie hierherkommen.“ Das sagt sie immer. „Genau hierher.“ Aber Lissa wurde hier geboren, und sie war nie dort draußen gewesen, so wie er.

Er weiß nicht, ob sie entkommen können, bevor es passiert. Die Schwerkraft hatte sie schon zweimal wieder hierher zurückgezogen: zwei gescheiterte Exkursionen, obwohl es gute Übungen waren. Die Welt würde sie sicher wieder zurückdrängen, genau wie immer. 

„Aller guten Dinge sind drei. Du hast mich. Und wir werden eine der Freien Hauptstädte haben. Lichtlos und weit weg von allem hier.“ Ihr neuester Anreiz, wegzugehen.

Die Freien Hauptstädte sind nur Gerüchte, vergrabene Höhlenstädte noch von vor dem Goldenen Zeitalter. Er hatte Gästen im Nudelrestaurant seines Bruders zugehört, die Met und Sake tranken und Geschichten erzählten. Niemand war je dort. Jeder hat schon einmal jemanden getroffen, der jemanden kennt, der Geschichten über die Standorte dieser Städte erzählt … Aber es musste dort draußen noch andere Leute geben. Schließlich mussten sie ja von irgendwoher in die Stadt kommen. Er ist sich sicher, dass dort draußen andere leben, ohne so viel Lärm.

Still. Den ganzen Tag über war nichts passiert, und er kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Er braucht etwas, um die Leere zu füllen, aber keine Gespräche. Oder wenn, dann nur Gespräche über Belangloses. Jede Person, jeder Frequenzbandsender ist nur eine rechthaberische Jukebox mit denselben 20 Songs.

Augen gen Himmel. Eine Gallenwelle kriecht über seinen Magen. Das Gleichgewicht verzerrt sich. Sein Blick wölbt sich kurz, wie eine Singularität, die vier Punkte tief im All zusammendrückt. Bewegt sich der Boden? Es ist vorbei.

Er reibt sich die Augen, bis er nur noch ganz verschwommen sieht. Alles ist normal.

Er möchte nach draußen und durch die Bäume spazieren, zum Ort des Feuerschneisen-Angriffs. Um seinen Kopf freizubekommen.
Es ist zu laut. 

Jäger kommen und gehen. Sie kehren beunruhigend oft verletzt zurück. Kriegskultisten der Zukunft heißen ankommende Flüchtlinge mit breitem Grinsen zur letzten Schlacht willkommen. Weniger Karawanen treffen ein. Jetzt sind es fast nur noch Sprungschiffe, Schiffe des Toten Orbits über dem Turm-Hangar. 

Seine Mutter hatte ihm immer erzählt, wie die Hüter die Stadt an den Sechs Fronten gehalten hatten. Sie hatten am Dämmerbruch gehalten, und sie werden uns auch weiterhin verteidigen, solange wir noch Hoffnung in sie haben. Dem würden sie sich nicht geschlagen geben. Deshalb würden sie nicht gehen. Aller guten Dinge sind drei.

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