FALSCHE GÖTZEN

10. Juni. 2020 - Destiny Dev Team

Der Hohepriester kniete vor seinem verkümmerten Gott, versunken in der Zwiespältigkeit einer zerbrochenen Ideologie; sein Glaube war der Realität Xols Scheitern gewichen. Keine Weisheit und kein verdorbenes, in zerfledderten Büchern vergrabenes Ritual konnte wiederherstellen, was verloren gegangen war, und er war auch nicht willens, einen derartigen Versuch zu wagen.

Eine Welle der Ernüchterung brach über ihn herein – der Wille Tausender war vom Licht und dem Code zum Schweigen gebracht worden. Früher hätte er dies als einen Akt der Häresie bezeichnet, damals, als die Wahrheit noch nicht offengelegt worden war:

Es gibt keine Götter. Es gibt nur Ketten, und jene an beiden Enden dieser Ketten.

Nokris war der Unwissende gewesen, der in die Sonne gestarrt hatte, denn was anderes ist Göttlichkeit denn als ein blendender Stern? Eine Statue, die umgestoßen werden muss, damit sie die klagenden Massen wachrüttelt, die im Tod alter Dinge nach Macht suchen. Götter, von Bauern gebrochen, niedergestreckt und in den Schlamm getreten.




Nokris schwebte im Herzen des Winters, am Nordpol des Mars. Ihm fehlte die Stärke, das heraufzubeschwören, was unter der gefrorenen Oberfläche noch geblieben war. Er schloss die Augen und griff auf der Suche nach Resten von Xols Macht mit seinem Verstand nach den versteckten Ecken der Existenz, doch nach Monaten der abgeschiedenen Gleichgültigkeit blieb ihm jegliche Verbundenheit verwehrt.

Durch seinen Kontaktversuch erfuhr er jedoch, dass Xol lebte, tief vergraben und vergessen in der Kruste einer anderen Welt. Er hatte den Rand einer Bestätigung mit seinem alten Gott gespürt, doch dieser hatte sich davongewunden, desinteressiert und begierig darauf, das Band zwischen ihnen zu brechen. Nokris, zu schwach, um seine Bestimmung zu erfüllen, blieb allein zurück. Der Wurm wollte zur Waffe einer anderen Person werden, um ihr die Macht als selbstgerechtfertigte Dienerschaft tief in Io zu gewähren.

Obgleich auf dem Mars noch zahlreiche Spuren von Xols Einfluss zu finden waren, würde ihm der Fetzen Wurmhaut, den er in seinen Klauen hielt, die besten Dienste leisten. Auch wenn er nicht in der Lage war, ausreichend zu morden, um ihren Appetit zu stillen und eine parakausale Veränderung damit zu erzwingen, so kannte er doch diejenigen, welche die benötigten Gewalttaten vollbringen konnten. In seinem Geist nahm ein Plan Gestalt an, genährt von flüsternden Stimmen aus den tiefen Abgründen, die er schon seit Jahren nicht mehr erkundet hatte.




Er hatte den Fetzen, den er Xols Überresten abgenommen hatte, schon so lange bei sich getragen, dass er Furchen in die Knochenplatten seiner Hand gefressen hatte. Damit beabsichtigte er, mit Gewalt das zu öffnen, was ihm durch die Logik des Schwerts schon immer vorenthalten worden war. Aus den Legionen der Grableichen seiner auferstandenen Brut wollte er sein eigenes Aszendenten-Tor erschaffen. Reihen stinkender Leibeigener, unter dem Raureif auf zersplittertem Chitin verwesend, scharten sich in einem Kreis um ihn und warteten auf das Ritual. Ihr wiederbelebtes Fleisch sollte als Anfeuermaterial für das Seelenfeuer dienen.

Er konzentrierte sich auf die Tiefe und ließ seinen Willen von den schlummernden Verbindungen, die an Xols abgestreifter Haut hingen, führen, bis er die Realität um sie formen konnte. Der Köder war bereit. Er wartete auf die Agenten des Himmels, und sie kamen voll Zorn und Todesdurst. Sie taten, wozu sie erschaffen wurden; unterwürfig und tyrannisch wie sie waren, konnten sie nicht anders, als das auszulöschen, was sich ihrem fesselnden Licht entgegenstellte. Ihr rechtschaffenes Gemetzel ermöglichte Nokris’ Wandlung, und seine List blieb dem Thron der Besessenen nicht verborgen.

Die Untergebenen des Himmels stürmten die Penumbra-Tiefe wie schon so oft zuvor. Ihre Furcht vor Xols Wiederbelebung beflügelte ihre Raserei wie Brandeisen auf ihren Rücken. Furcht, die er sich zunutze gemacht hatte. Sein Tod würde die Opfergabe sein, die den Zauber besiegeln und eine winzige Öffnung erschaffen würde, durch welche seine Seele die Aszendenten-Ebene erreichen konnte.

Doch eine weitaus ältere Macht beherrschte ebenfalls die Kunst der Arglist, und sie hatte seine Gerissenheit zur Kenntnis genommen. Sie brachte Nokris von seinem Zielort ab, sodass er stattdessen an die Küsten ihres Hofs geschwemmt wurde. Als er wieder klar sehen konnte, erkannte er die Königin der Besessenen, die in den mitternächtlichen Glanz eines Ereignishorizonts gehüllt war.




Ein Singularitätsthron verzerrte den Raum direkt vor ihm. In seiner unergründlichen Tiefe saß die von Verkrümmungen und Gravitationslinseneffekten verhüllte Königin der Lügen. Ihre Stimme, ein rotverschobener Missklang, kam aus weiter Entfernung und schien ihn völlig zu umgeben. Ihre Präsenz war das Reich selbst, grenzenlos und bereit, zu erobern.

Dann sprach Savathûn. „Paktbrecher. Vor mir steht ein Ketzer. Welche Verleugnungen wirst du vorbringen, dass du zu mir zurückkehrst?“

„Ich habe den Wurm gefüttert, und dennoch ist er gescheitert“, antwortete er. Nokris starrte direkt in den leeren Raum, dessen Form unablässig in sich zusammenbrach. In der ständigen Verzerrung konnte er kaum ihre Silhouette ausmachen.

„Es ist seine Natur, zu scheitern“, erwiderte Savathûn mit einem Anflug der Neugier, „jedoch nicht durch deine wirksamen Methoden.“

Nokris verzerrte die Haut seines Gesichts zu einem skelettartigen Lächeln. „Das Schwert trägt keine Wahrheit in sich. Der Ehrgeiz der Würmer ist gering, und sie herrschen über Nichts.“

„Mutige Worte an einem Ort wie diesem. Glaubst du denn nicht, dass sie gerade zusehen?“

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft senkte Nokris sein Haupt. „Die Königin ist raffiniert. Ihr wart weder am zielstrebigen Ehrgeiz meines Vaters noch am Ruhmeshunger meines Bruders interessiert.“

„Wünschst du, mir zu dienen?“ Das undeutliche Abbild zuckte im zunehmenden Schimmer des Lichts aus dem Hintergrund.

„Meine Lebenskraft ist geschwunden: Ich biete denen meine Dienerschaft, die mich verstoßen haben. Unser Blut ist alles, was vom alten Pakt noch geblieben ist.“

„Dann sollten wir uns gegenseitig helfen.“

Nokris hob seinen Blick. „Welchen Nutzen hätte ich denn für eine Göttin?“

„Keine Götter.“

Er nickte. „So war es schon immer.“

Savathûns Stimme drang aus allen Richtungen auf ihn ein. „Du, ein Usurpator: das erste Zerren am Ende der Kette.“

„Um als Ablenkung zu dienen, oder darauf zu warten, abgeschlachtet zu werden?“ In Nokris’ Stimme schwang Enttäuschung mit.

„Nein. Als ein Dorn hast du die Tiefe durch verbotene Sakramente umgangen, und so sollst du auch weiterhin handeln.“ Die Tiefe fürchtet mich, genau wie wir dich gefürchtet hatten.“ Ignoranz belässt alles, wie es ist. Wissen usurpiert. So hast du deine Bestimmung an meinem Hof gefunden.“

Die Schultern des Hohepriesters strafften sich. „Ihr habt mich gefürchtet?“

„In früheren Zeiten waren die Intentionen enger gefasst. Ich sehe, was du wert bist, und das hätten wir damals schon sehen müssen. Alle, die dich ablehnten, vom Schwert geblendet, lass sie wie Getreide unter der Sense fallen.“

„Ich bin das Instrument?“

„Du bist der Mechanismus, mit dem wir ihre Kette zerbrechen werden.“ Savathûns Stimme erfüllte seinen Verstand mit schmeichelnder Verheißung. „Unterweise mich in deinen Künsten der Nekromantie, Usurpator des befohlenen Pfads, damit wir gemeinsam die fest verankerte Logik umgehen können, die uns in die Tiefen zieht. Diene als Stoßeisen, das die Bruchstücke ihres großen Spiels im ganzen Kosmos zerstreut.“

„Genauso wie Xol einst mein Herz verlangte, möchte ich Euch einen Handel anbieten. Wissen gegen Wissen. Gewährt mir Einblick in das Talent des Träumenden Geists, und ich werde Euch lehren, was Ihr verlangt.“

„Ein rebellischer Tauschhandel in den Wellen der Dunkelheit; so sei es. Unter meinem Symbol, wiedergeboren und nach meinem Ebenbild geformt, wird unser Handel einen Neubeginn anstoßen.“

„Die Meister versammeln sich hier?“ Die Besorgnis in Nokris’ Worten war nicht zu überhören. „Haben wir vor, gegen sie zu kämpfen?“

„Nicht direkt. Die Ankunft steht unmittelbar bevor. Ein Schatten wird Kontakt zu dir suchen und sich bemerkbar machen.“

„Soll ich die Verbindung geheim halten?“

„Dort wo der Himmel auf die Tiefe trifft, sollst du die Blende sein, die Zwietracht sät, und dadurch … werden wir von den parasitären Neigungen derer, die sich für mächtig halten, unbehelligt bleiben.“

Nokris verstand den Plan. „Der Wille vieler liegt in unserer Hand. Sie haben keine Macht mehr über uns.“

„Freiheit. Sie werden sich gegenseitig bedrohen. Während wir zwischen ihnen hindurchschreiten.“

„Wir haben ein Abkommen.“

„Sprich meinen Namen.“

„Savathûn, die sich niemandem unterwirft, Schwertbrecherin und Königin des Throns der Besessenen.“

„Du bist nun an mich gebunden. Ziehe los und setze meinen Willen durch.“

Nokris wurde ebenso schnell von Savathûns Hof verbannt, wie er zuvor dort hingezogen worden war. Er schwebte nun nicht mehr ziellos durch die Aszendenten-Ebene.

Hinter ihm verblasste der Hof, und die schimmernde Illusion fiel wie der Vorhang auf einer Bühne. Der dunkle Kern der Singularität schwankte; tief in seinem Schwerkraftfeld befand sich ausschließlich ein einziger Leibeigener. Sein Tod erstreckte sich über Äonen des Verfalls. Sein Mund war geöffnet, um die Worte der Königin der Besessenen auszusprechen, wann immer es ihr beliebte, wie ein Sündenbock und nichts weiter.

Ihre Anwesenheit war lediglich ein Trugbild gewesen, dargestellt von der Marionette, die ihr als Sprachrohr diente, mit der Nokris ohne es zu wissen gesprochen hatte. In Wirklichkeit befand sich im Orbit der Singularität lediglich ein Leibeigener, denn die Königin war nicht so töricht, sich anderen zu offenbaren.

Savathûn blickte aus einer weit entfernten, überirdischen Leere auf ihren trügerischen Hof. Ihr soeben geschlossener Bund hatte auf zweierlei Art Macht erzeugt: einerseits in der Form von Nokris’ Hingabe, andererseits in seiner Täuschung durch ihren Leibeigenen, der in der Singularität für sie gesprochen hatte. Sie sog sein verzweifeltes Einverständnis ein und bereitete sich auf den bevorstehenden Konflikt vor.
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