Die Sonnenuhr

6. Dez.. 2019 - Destiny Dev Team

Einige Zeit nach dem Tod von Panoptes, dem Immergeist, und dem Aufbruch der Stadt in den Immerforst:

Osiris tat einen Schritt zurück, um sein Werk zu betrachten. Es ragte hoch über ihm auf.

Die Sonnenuhr war fertig, eine Leuchtboje am Himmel des Merkur. Er musste nur noch den Chronometriekern versiegeln, der noch blank im Zentrum des Turms lag, und die Arkus-Leitungen aktivieren, die kilometerweit unterhalb der Planetenoberfläche verliefen.

Sagira kreiste um das riesige Bauwerk und scannte jeden Zentimeter.

„Ich bin mir wirklich nicht sicher“, sagte sie. 

„Ich bin mir vollkommen sicher. Schließlich hast du sie entworfen.“

„Das war nur eine theoretische Arbeit! Wenn die Vorhut herausfindet, was du getan hast, um sie zu bauen—“

„Wenn es funktioniert, dann findet die Vorhut es ohnehin heraus.“

Sagira schoss nach unten, als ob sie ihren Auserwählten bombardieren wollte, bremste dann aber ab und blickte ihm in die Augen.

„Ich weiß, dass du dich schuldig fühlst, aber wir können nicht ermessen, was geschieht, wenn du sie aktivierst.“

„Er ist meinetwegen gestorben. Ich habe alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und meine Echos haben Milliarden von Störfallszenarien überprüft.“ Er wandte sich um und betrachtete das pulsierende Glühen des offen liegenden Chronometriekerns. „Merkur wird der einzige betroffene Planet sein. Denn dort ist er gestorben.“

„Wo soll das enden? Wie vielen anderen willst du eine zweite Chance geben?“

„Du weißt, dass ich solch einen Handel nur ein einziges Mal machen kann.“

„Ich wollte nur sichergehen, dass du es auch weißt.“ 

Osiris schloss kurz die Augen. So deutlich und ohne jegliche Ironie sprach sie nur selten.

„Hey, hey, hey!“, war weit entfernt ein widerhallender Ruf zu hören. „Nein! Das darf nicht wahr sein!“
Der Vagabund trat hinter den Hilfspylonen der Sonnenuhr hervor und deutete anklagend auf Osiris' Maschine.

Sagira betrachtete den abtrünnigen Lichtträger aus zusammengekniffenen Augen und ließ sich auf Osiris' Schulter nieder. „Wieso ist er hier?“, fragte sie ruhig.

„Ich habe ihn gebeten, einen Blick auf meine Ingenieursarbeit zu werfen“, gab Osiris zurück und verschränkte die Arme.

 „Du bist doch völlig gestört“, erklärte der Vagabund und ging im Kreis um den Warlock herum, seinen Blick auf die Oberfläche der Sonnenuhr gerichtet.

Er klopfte mit der Faust gegen die Nordpylone und murmelte: „Geist, gib mir die Zahlen.“ Ein gepanzerter Geist mit einem roten Auge tauchte auf und scannte jede Säule der Sonnenuhr.

Der Vagabund legte sein Ohr an die Mittelsäule. „Dieser Kern ...“, sagte er und rückte noch näher heran. Seine Augen schwenkten zurück zu Osiris. „Er flüstert.“

Osiris verzog keine Miene und ließ die Arme verschränkt. „Wir werden ihn ohnehin versiegeln. Ich verstehe die Auswirkungen.“

„Viel Glück dabei, das im Zaum zu halten. Mir wäre das eine Nummer zu heiß, Mann.“ Der Vagabund stand auf und gab seinem Geist mit zwei Fingern ein Zeichen. Der schwebte herab und projizierte ein holographisches Feld mit Statistiken auf das Deck der Sonnenuhr. 

Das rote Licht spiegelte sich in den Augen des Vagabunds wieder, als dieser die Zahlen förmlich in sich aufsaugte.
„Deine Mathematik geht auf“, sagte er schließlich und sein Geist verschwand wieder. „Es wird funktionieren. Aber ob du ihn finden wirst? Genau zum richtigen Moment? Das ist nicht garantiert.“

„Lass das meine Sorge sein“, erwiderte Osiris.

„Dann hab ich nur noch eine Frage. Wieso das Ganze?“

„Ich schulde es ihm.“

„Ich schulde einem Haufen Leute was, Warlock. Du öffnest gerade die Pforten zur Hölle mit einem Vex-Schlüssel.“

„Als der Reisende mich zurückbrachte, hatte ich keine Freunde. Keine Familie—“

„Keiner hatte irgendwas im Dunklen Zeitalter.“

„Aber der Heilige war immer für mich da. Und ich sah ihn vom Grünschnabel zum Halbgott heranwachsen.“

Der Vagabund zuckte mit den Schultern. „Wir alle mussten uns anstrengen. Das ein oder andere Feuergefecht gewinnen. Deshalb sind wir noch hier.“

„Wir werden alle stärker. Aber manche Lichtträger erweitern niemals ihre Perspektive. Sie wachsen nicht über sich selbst hinaus … werden träge. Dabei könnten sie so viel mehr sein. “

Der Vagabund lachte kurz auf, spuckte auf den Boden und grüßte Osiris mit einem Finger. „Ich komme zurecht.“

„Natürlich tust du das. Ich bin wie du.“

Der Vagabund grinste.

„Aber der Heilige stellte sich seinen Ängsten und seinen Fehlschlägen besser als alle anderen von uns, und er wich niemals von seinem Weg ab. Er sollte die Chance bekommen, ihn bis zum Ende zu gehen.“

„Er ist schon dort angelangt. Aber nutz du nur deine Maschine. Du Irrer.“ Der Vagabund drehte sich um, bereit zu gehen, Hände in den Taschen. „Wenn du das Universum kurzschließt, bist du auf dich allein gestellt.“

„Wenn ich einen Fehler mache, existierst du womöglich nicht mehr“, gab Osiris zurück.

„Das wäre vielleicht gar nicht mal so schlimm.“

„Wir haben noch gar nicht über die Bezahlung gesprochen.“

„Falls du dein kleines Experiment überlebst, komme ich wieder und hol mir meinen Lohn.“

„Geh nach Hause. Da ist ein Hüter, den du treffen solltest“, sagte Osiris.

„Ja, ja. Ein Held. Der Roten Schlacht. Kann es kaum erwarten.“

❖❖❖

Ein Dutzend Echos flankierten Osiris.

Die Sonnenuhr drehte sich und versprühte Funken über ihnen und um sie herum.

Seine Echos verschwanden in einem Stakkato aus Chronometrie-Arkusschüben—nicht nach irgendwo, sondern nach irgendwann. Dann wurde die Sonnenuhr still.

Zwölf von Osiris' Echos durchwanderten die Korridore der Zeit. Er konnte durch sie sehen und fühlen. 

Dort, wo die Gänge das Vex-Netzwerk kreuzten, bezwangen seine Echos Hobgoblins und Minotauren mit Solar-Schwertern, geladen mit purer Willenskraft. Sie verbargen ihre Schatten und verhielten sich still, um nicht die Aufmerksamkeit der Netzwerk-Geister zu erregen. Sie stießen gemeinsam in Ecken vor, die den Weg zum Dunklen Zeitalter des Merkur freigaben.

Dort teilten sie sich auf und betraten Myriaden von Momenten von Besuchen des Heiligen auf dem Merkur.

Ein Echo begegnet einem kriegsgestählten Heiligen am Rand von Caloris Planitia. Der Heilige ist Mitglied der Pilgerwache und steigt mit seinem Einsatztrupp zum Kampf gegen ganze Batterien von Vex-Goblins herab. Rauchschwaden schwerer Feuergefechte weisen ihnen den Weg. Dieser Heilige ist zu früh. Das Echo nähert sich ihm nicht.

Auch das Echo, das aus einer dunklen Ecke heraus beobachtet, wie das Sprungschiff des Heiligen bei einem Leuchtturm bei den Caloris-Säulen landet, nähert sich ihm nicht. Sein Inneres ist in Schatten gehüllt. Das von den Anhängern von Osiris genutzte Bauwerk wird kein weiteres Zeitalter überdauern. Der Heilige kommt her, um die Vex davon abzuhalten, es wieder für sich zu beanspruchen. Er erhellt die Dunkelheit, als er Minotauren mit Solar-Fäusten zerschmettert.

Ein Echo duckt sich an einer Klippe außer Sicht. Tief unter ihm setzt der Heilige sein Solarlicht ein, um den gepanzerten Boden des Merkur zu durchdringen. Vereinzelte Steinbrocken bilden eine Linie entlang einer Reihe von Löchern, die sich ein Dutzend Meter in jede Richtung erstreckt.

Ein Echo versteckt sich im gleißenden Licht, als der Heilige Schulter an Schulter mit den Sonnenbezwingern die Brennende Schmiede aufbaut. Ihr Hämmern und Löten mit Solar-Knöcheln und -Vorschlaghämmern lockt eine stille Parade von Vex zur Baustelle. Die Sonnenbezwinger lassen abwechselnd den Bau ruhen, um die Eindringlinge mit eben diesen Werkzeugen zu zerlegen.

Ein Echo beobachtet den Heiligen von einem Aussichtspunkt auf den Hochebenen der Glasfelder aus. Der Titan kämpft um sein Leben, gegen Gefallene unter rotem Banner, die dasselbe Symbol tragen wie die modernen Soldaten vom Haus des Frühlichts. Sie sind vom Haus des Regens, dem niedersten aller Häuser. Im brennenden Lager um sie herum liegen merkwürdigerweise keine Leichen—aber Osiris hat die Geschichte bereits vom Heiligen gehört. Eine der ersten Missionen des Heiligen für den Sprecher führte ihn zum Merkur, wo er vergeblich versuchte, den Planeten für die Menschheit „zurückzuerobern“. Damals war ihnen noch nicht bewusst, dass die Vex bereits begonnen hatten, die „Gartenwelt“ in eine Maschine zu verwandeln. Das Haus des Regens folgte dem Schiff des Heiligen und wartete, bis die Expedition ihr Lager aufgeschlagen hatte. Dann löschten die Gefallenen die Kolonisten aus, zu deren Schutz der Heilige gesandt worden war, und brachten ihn fast um. Das Echo erlebt die Geschichte nun aus erster Hand und betrachtet dabei die terraformierte Vegetation zu seinen Füßen. Sie ist bereits eine halbe Maschine—Gras und Metallklingen wachsen Seite an Seite unter seinen Stiefeln. Eine Ketsch dröhnt vom Himmel herab und lässt schwere Munition auf das Schlachtfeld regnen. Der Aussichtspunkt des Echos wird von Staubwolken umhüllt. Das Echo verlässt den Ort. Er hat genug gesehen.

❖❖❖

Osiris' Echos durchkämmen die Zeitlinie des 14. Heiligen auf dem Merkur. Doch die Korridore der Zeit führen nicht zu dem Moment, den sie suchen: Der Heilige und der Märtyrergeist in den Tiefen des Immerforsts. Die Echos arbeiten sich unermüdlich durch jede Lücke zwischen den Momenten—wochenlang, monatelang. Voller Verzweiflung teilt er das Dutzend Kopien in tausende weitere auf, doch die Arbeit trägt keine Früchte.

Ein Echo verharrt gegen den Befehl von Osiris jahrelang an einem Ort. Noch nie zuvor hat er die Kontrolle über ein Echo verloren. Er hatte das nicht mal für möglich gehalten. Er und das Echo sind Eins. Er fühlt, dass seine abtrünnige Kopie das Gefühl für sich selbst verliert. Weitere Jahre vergehen und er spürt, wie das Echo den Druck von kaltem Metall an seinem Kopf verspürt. 
Dann fühlt er nichts mehr. 
Zwei Echos durchstreifen die Korridore der Zeit mit dem Befehl, niemals anzuhalten. Rohe Gewalt hat schon zuvor für Osiris funktioniert. Bis heute kann er sie fühlen. Ihre Suche geht weiter.

Die restlichen unterliegen schließlich den Sicherheitsvorkehrungen der Vex an den Schnittstellen ihres Netzwerks mit den Korridoren der Zeit. Auch Osiris' Licht hat Grenzen.

Keines der Echos geht je auf einen Heiligen zu. Sie finden nie den Richtigen.

❖❖❖

Osiris saß still am Fuße der Sonnenuhr. Seit der Aktivierung der Maschine war keine Zeit vergangen und doch hatte er schier unzählige Leben durchlebt.

Sagira schwebte über seiner Schulter und fragte hoffnungsvoll: „Hat es geklappt?“

Der Warlock stand auf und ging zum südlichen Rand der Sonnenuhr. „Stell sie ab. Verbirg sie in einer Tarnhülle. Nichts und niemand darf sie finden.“

Osiris verschwand in einer weißglühenden Flamme.

Sagira starrte auf die Mittelsäule der Sonnenuhr.

„Verdammt“, flüsterte sie.

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